AG II – Einsamkeit im Alter

Einsamkeit ist ein vielschichtiges Phänomen, dessen negative Auswirkungen insbesondere in der Corona-Pandemie deutlich geworden sind. Mit dem Fokus auf Interessen und Bedürfnisse älterer (asiatischer) Migrant*innen wurde ein Treffen zum Thema „Einsamkeit im Alter“ am 19.11.2021 in den GePGeMi-Räumlichkeiten organisiert. Trotz der 2G-Maßnahme konnten wir Gäste aus verschiedenen Communities in Berlin empfangen. Wir bedanken uns herzlich für Ihr Verständnis!





„Einsamkeit beschreibt das zutiefst unangenehme Gefühl, dass die sozialen Beziehungen, die man pflegt, und der persönliche Austausch mit anderen Menschen nicht den eigenen Bedürfnissen nach Zugehörigkeit und Geborgenheit entsprechen“ (Perlman & Peplau 1981). Als Einstieg in das Thema wurden zwei Studienergebnisse präsentiert Das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) hat festgestellt, dass das Risiko, einsam zu sein, mit 40 Jahren etwa so hoch ist wie mit 85 Jahren. Dieses Ergebnis bezieht sich auf die allgemeine Bevölkerung in Deutschland. Mit Blick auf asiatische Migrant*innen in Berlin, die 55 Jahre oder älter sind, wurde die Wahrnehmung von Einsamkeit in der Pilot-Studie von GePGeMi 2018 untersucht. 72% der Befragten mit vietnamesischer Herkunft sind der Meinung, dass das Leben im Alter einsam ist. 56,4% der Befragten aus der koreanischen Community stimmen der o.g. Aussage zu, während die Zustimmung bei den japanischen Befragten nur 37,5% beträgt. Also, es gibt durchaus große Unterschiede in der Wahrnehmung von Einsamkeit unter den asiatischen Gruppen.


Kritisch hinterfragte die Gast-Referentin, Frau Elke Schilling, Initiatorin des Silbernetz e.V., das oben genannte Studienergebnis des Deutschen Zentrums für Altersfrage (DZA) und wies darauf hin, dass einsame ältere Menschen oft nicht in der Statistik auftauchen, weil sie zurückgezogen seien. Im Vergleich zu den 40-Jährigen fällt es z.B. 80-Jährigen viel schwerer, neue Kontakte zu knüpfen, weil sie nicht mehr arbeiten oder viele von ihnen ihre Vertrauenspersonen verloren haben. Eine extreme Auswirkung von Einsamkeit ist, wenn Menschen tot aufgefunden werden, weil sie vergessen worden sind. Jedes Jahr gibt es in jeder deutschen Großstadt 300 solcher unbekannten Toten, so die Referentin.

In Hinblick auf Ältere mit Migrationsgeschichte gab es von Anfang an Bemühungen des Vereins, sich mit verschiedenen Communities zu vernetzen. Doch hat es sich erwiesen, dass die Vernetzung nicht immer einfach war. Um Menschen mit Migrationsgeschichte zu erreichen, braucht man eine engere Zusammenarbeit mit migrantischen Organisationen. Der tiefe Wunsch der Initiatorin ist es, ein Silbernetz für alle in Deutschland aufzubauen.



Die Auswirkungen von Einsamkeit sind schwerwiegend, z.B. erhöhen sie das Risiko, an Demenz oder Depression zu erkranken, und sie können die Lebenserwartung reduzieren. Jedoch besteht eine strukturelle Lücke, nämlich 40% der Älteren sind über Angebote vor Ort nicht informiert. Es liegt an der modernen Technologiegesellschaft, die davon ausgeht, dass sich alle Menschen mit den heutigen Kommunikationsformen zurechtfinden. Für ältere Menschen ist es aber keine Selbstverständlichkeit, mit digitalen Medien umzugehen. In der Folge werden Angebote für ältere Menschen nicht so kommuniziert, dass sie auch einen Zugang dazu haben. Auf der anderen Seite fordern ältere Menschen nicht richtig ein, was sie brauchen.


Wenn das Einsamkeitsgefühl chronisch wird, ist es für die Betroffenen allein kaum noch zu überwinden. Daher bietet Silbernetz eine niederschwellige und eigenaktive Lösung an, um der Einsamkeit entgegenzuwirken. Der Verein verfolgt einen dreistufigen Ansatz:

  • Das Silbertelefon 0800 4 70 80 90 bietet eine Hotline für Menschen an, die einfach ein Gespräch brauchen. Diese Hotline ist täglich 14 Stunden aktiv.

  • Die Silbernetzfreundschaft gibt den Menschen die Möglichkeit, einen vertrauten Kontakt herzustellen, d.h. es gibt bei jedem Anruf eine anonyme Bezugsperson am Telefon.

  • Silberinfo ist ein Angebot vor Ort, in dem die Basisinformationen je nach Bedarf recherchiert werden.

Mit diesem Ansatz hat Silbernetz in den letzten Jahren vieles erreicht, z.B. gibt es bisher 210.000 Anrufe und 160 aktive Silbernetzfreundschaften, die ehrenamtlich bei Silbernetz tätig sind. Jedoch stellt die Sprachbarriere für Menschen mit Migrationsgeschichte ein Hindernis dar, das Angebot in Anspruch zu nehmen. Die neue Kooperation mit Dejak-Tomonokai e.V. ist ein Beispiel für den Abbau von Sprachbarrieren und Schwellenängsten.


Anschließend hat Frau Nozomi Spennemann, die zweite Referentin der Veranstaltung, die Kooperation zwischen zwei Vereinen vorgestellt: Dejak-Tomonokai e.V. ist ein deutsch-japanischer Verein für kultursensible Pflege. Da Japaner*innen in Deutschland eine kleine Community bilden, hat die Community keine eigene Struktur von sozialer Beratung bzw. Pflegedienstleistungen. Dejak e.V. bietet eine der wenigen japanisch-sprachigen Dienstleistungen, indem Ehrenamtliche aufsuchende Arbeit leisten. Jedoch hatte der Besuchsdienst in den letzten Jahren wenige Einsätze, weil sich ältere Japaner*innen nicht an einem Ort konzentrieren, sondern verstreut im ganzen Bundesgebiet leben. Eine Telefonhotline könnte ihre Bedürfnisse nach muttersprachlichem Sprechen decken, weil man dadurch eine andere Qualität der Kommunikation erlangt und sich wie zu Hause fühlt. Vor diesem Hintergrund hat Frau Spennemann den Kontakt mit Silbernetz e.V. gesucht und die Kooperation der beiden Vereine hat in diesem Jahr (2021) begonnen. Zunächst wurden zwei Schulungen für Hauptamtliche und Ehrenamtliche durchgeführt. Danach wurde das Angebot mit Unterstützung der japanischen Botschaft in der Community bekannt gemacht. In der Praxis funktionieren japanisch-sprachige Telefonate so, dass zuerst ein Termin über die oben genannte Hotline-Nummer vereinbart und dann das Gespräch zu der vereinbarten Zeit durchgeführt wird. Dabei betonten beide Referentinnen sowie die Besuher der Veranstaltung die Relevanz von Anonymität und Niederschwelligkeit des Angebots. Zum einen hat die Anonymität eine sichere Schutzfunktion, zum anderen bietet die Niederschwelligkeit den Menschen die Möglichkeit, einfach muttersprachlich zu reden, ohne gestehen zu müssen, dass sie einsam sind.



Laut Rückmeldungen von den Gästen gibt es bei der jugoslawischen und vietnamesischen Community vielleicht ein Bedarf nach einem muttersprachlichen Silbernetz-Angebot. Bei der koreanischen Community könnte man sich auch vorstellen, dass dieses Modell gut funktionieren würde. Obwohl es innerhalb jeder Community bereits viele Angebote gibt, Kontakte mit anderen zu knüpfen (z.B. Aktivitäten in migrantischen Organisationen, Kirchengemeinden oder Pagoden etc.), gibt es immer noch viele ältere Asiat*innen, die sich einsam fühlen, insbesondere die Gruppe von Migrant*innen, die aufgrund der Familienzusammenführung hier leben. Im Vergleich zu Arbeitsmigrant*innen fällt es Heiratsmigrant*innen schwerer, eine Arbeit bzw. eine Rolle in der Gesellschaft zu finden. Oft leben sie vereinzelt in ihrer eigenen Familie und können viel weniger vertrauliche Kontakte außerhalb der Familie knüpfen. Darüber hinaus üben zwar migrantische Organisationen, Kirchengemeinden und Pagoden eine soziale Funktion aus, bieten aber oft keine Anonymität, die zurückgezogene Menschen vielleicht brauchen, um der Einsamkeit entgegenzuwirken. Das Silbernetz-Modell mit seinem Konzept hinsichtlich Anonymität und Niederschwelligkeit könnte eine gute Lösung gegen die Einsamkeit anbieten!


Liebe (asiatische) Senior*innen,

in der AG II – Interessen und Bedürfnisse von UNS – möchten wir mit Ihnen gemeinsam herausfinden, wo unsere Interessen und Bedürfnisse zum Thema „Gesundheit und Pflege“ liegen und sie dementsprechend bei der Berliner Verwaltung und Politik bekanntlich machen. Vor diesem Hintergrund haben wir verschiedene Veranstaltungen organisiert, um Sie zu informieren und Ihre Meinung dazu zu erfahren. Die Veranstaltungen „Wohngemeinschaft im Alter“ (05.11.2021) und „Einsamkeit im Alter“ (19.11.2021) sind zwei davon. Mit dieser AG hoffen wir, dass wir gemeinsam zur Verbesserung der psychosozialen Gesundheit älterer (asiatischer) Menschen in Berlin beitragen. Über Ihre Rückmeldung und Kommentare würden wir uns sehr freuen!


Das Team von GePGeMi


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